25-06-2018 – Tag 10: Murmansk (RUS) – Petrozavodsk (RUS)

von: Thomas

Statistik:
gefahrene Strecke: 1.065,4 km
Abfahrt: 8:30 Uhr
Ankunft: 21:30 Uhr
Fahrtzeit: 13:00 Std.

Der Tag wurde von uns mit gemischten Gefühlen erwartet. Über 900 km auf Russlands Landstraßen (dachten wir) und laut Schilderungen aus den letzten Jahren recht eintönig überwiegend geradeaus durch Birkenwälder. Wirklich keine besonders spannende Etappe…

Doch es kam etwas anders. Das begann schon beim Frühstück… Ich habe schon wirklich viele Frühstücke (ist das wirklich der Plural???) in verschiedensten Hotels genossen. Das in Murmansk ist aber sicherlich unter den Top5 der schlechtesten in meiner Hitliste wiederzufinden… Das Hotel war in Ordnung, die Zimmer auch, aber das Frühstück? Ein äußerst karger Raum, eine muffige „Köchin“, die mir neben Haferschleim, der vor sich hinköchelte noch irgendwelche Klopse anbot… Das Buffet bestand neben russischem Nescafe aus Faden Weißbrotscheiben und dicken aber dafür geschmacksneutralen Käsescheiben… Zu den zwei Klopsen kamen dann kalte Nudeln, die vor Urzeiten mal mit Käse überbacken waren – und Mais aus der Dose. Dazu lief irgendeine amerikanische Serie vermutlich aus den 80ern, die einen noch mehr verwirrte, da sämtliche Schauspieler von einer männlichen und einer weiblichen Stimme gedolmetscht wurden…

So dermaßen gestärkt machten wir uns auf den Weg. Aus Murmansk den Weg zu finden, war zum Glück nicht sehr kompliziert, da das Ziel St. Petersburg schon überall ausgeschildert war (ansonsten ist in Russland die Beschilderung mehr als spärlich…

Die positive Überraschung war, dass die Straße in einem weitaus besseren Zustand war, als erwartet. Die nächste Überraschung war die „normale“ Reisegeschwindigkeit. Wir glauben bis jetzt, dass eigentlich 90 km/h erlaubt sind. Interessieren tut dieses niemand! Laut Nachrichten in der Whats-App-Gruppe ist man eher verdächtig, betrunken zu sein, wenn man sich an Beschränkungen hält. Und ein Team wurde mit 120 km/h erwischt und musste 250 Rubel Strafe zahlen, also etwa 3,30 EUR 🙂

So spulten wir also Kilometer ab, die gar nicht so langweilige Landschaft zog an uns vorbei und wir überholten, wie ich es zuletzt in den 80ern auf dem Autoput auf dem Weg durch Jugoslawien gemacht habe…

Irgendwann war es soweit und wir mussten tanken. Noch ungefähr 100 km Rest-Reichweite im Tank, die nächste Tankstelle vor uns – und die war geschlossen! Laut russischer Straßenkarte sollte es noch eine im benachbarten Dorf geben, das entpuppte sich als Fehlinformation! Jetzt gab es noch zwei Möglichkeiten, entweder sind wir totale Optimisten und machen uns auf den Weg zur nächsten Tanke (ungefähr 155 Kilometer weiter und damit eigentlich unerreichbar) oder wir drehen um und fahren gute 50 Kilometer zurück. Wir entschieden uns zur zweiten Variante und erreichten dieses malerische Dorf:

Die Tankstelle entsprach in etwa dem Dorfbild und gehörte eindeutig in die Kategorie „Hier solltest Du niemals tanken, wer weiß, was da in Deinen Tank fließt!“… Erst einmal bestand das größere Problem darin, dass an der Preistafel für Diesel der Preis 0,00 Rubel stand, ein eindeutiges Indiz dafür, dass Diesel gerade aus ist (das scheint in Russland bei Diesel häufiger zu sein, als bei Benzin, noch eine Fehleinschätzung unsererseits). Kurz mit der Dame in Ihrer Tankstellen-Butze mit Händen und Füßen palavert und wir bekamen 20 Liter zugesprochen. Wir haben keine Ahnung, ob wir vielleicht auch mehr bekommen hätten, aber mit den verbliebenen Litern und dem neuen Schatz machten wir uns wieder auf den Weg zu der jetzt gut 200 Kilometer entfernt gelegenen Tankstelle. Dort gab es aber wieder Diesel ohne Rationierung und weiter ging die wilde Fahrt. Übrigens haben auch Russen das Problem. 50 Kilometer vor der rettenden Tankstelle stand ein Fahrer und winkte mit seinem Kanister. Er fragte uns noch, ob wir ihn bis zur Tanke mitnehmen könnten, was wir aus Platzgründen verneinen mussten. Aber wir sind guter Hoffnung, dass er mittlerweile das Problem gelöst hat 🙂

Etwa 18 Kilometer hinter dem Tankstopp bremste ein russischer Pkw dann vor uns ab, machte sein Warnblinker an, um dann wieder genauso abrupt weiterzufahren, als wir uns näherten.  Ehe wir uns vollends über das Verhalten wunderten, sah Rüdiger den Grund am rechten Straßenrand – einen Braunbären! Vielen Dank an den unbekannten russischen Fahrer, der uns dieses Highlight bescherte, ohne ihn hätten wir den Bären garantiert übersehen (genauso wie die 258 Elche, die wir nicht gesehen haben).

Natürlich waren wir an dem Bären schon vorbei gefahren, also Rückwärtsgang rein und wieder auf seine Höhe gerollt. Der Bär hatte auf jeden Fall jede Menge Geduld mit uns und wir hatten ausreichend Zeit, ihn zu bewundern. Dafür sollte es eigentlich extra Punkte im Roadbook geben!!!

Der Rest der Strecke war dagegen relativ normal und wir erreichten gegen 21:30 Uhr unser Hotel in Petrozavodsk. Während unseres Check-Ins tauchte ein zweites BSC-Team auf, dass auch im Hotel übernachten wollte. Wir beschlossen dann, zusammen noch eine Kleinigkeit zu essen, was sich als komplizierter herausstellte, als wir dachten, da die meisten Restaurants schon geschlossen hatten oder aufgrund von Abi-Feiern Geschlossene Gesellschaften verköstigten. Die Rezeptionistin (die mal Hochschullehrerin für Deutsch und Englisch war) hat dann aber noch telefoniert und in einem Hotel in der Nähe konnten wir dann im 11. Stock speisen. Das Essen war lecker, aber recht überschaubar, dafür entschädigte der Blick und uns wurde klar, dass wir die Breitengrade mit Mitternachtssonne hinter uns gelassen haben.

Alles in Allem ein deutlich spannender Tag, als wir erwartet hatten, der Weg über Russland hat sich auf jeden Fall gelohnt!

P.S.: Unschwer zu erkennen, wir hängen mit dem Blog konstant hinterher. Mittlerweile sind wir in Lettland, aber es ist schon wieder nach Mitternacht. Das Vorhaben, immer tagesaktuell zu sein, ist hiermit offiziell gescheitert… Aber das ist keine Aufgabe. Die Eindrücke der letzten 13 Tage sind aber so gewaltig und die Abende oft zu lang. Spätestens nach der Rückkehr wird der verbleibende Rest aufgefüllt. Bis dahin geben wir unser Bestes, die Differenz zumindest nicht größer werden zu lassen…

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